Fusion 1951/52

Seit der Fußball-Saison 2001/2002 mischen sie nun im Spielbetrieb des Fußballkreises Tauberbischofsheim mit, die Mannschaften der „SV Viktoria Wertheim 2000“, jenes Vereins also, den die Mitglieder der Sportvereinigung und des SC Viktoria – nach mehreren vergeblichen Anläufen in den 90er Jahren – aus der Taufe gehoben haben. „Es wächst zusammen, was zusammen gehört“, zitierte Oberbürgermeister Stefan Gläser bei der Gründungsversammlung am 19. Dezember 2000 im Kulturhaus einen berühmten Satz Willy Brandts.

Die Idee eines solchen „Großvereins“ war freilich nicht neu. Eine Fusion eingegangen sind die beiden Sportvereine schon einmal. Damals hielt der Zusammenschluss, an dem sich auch der SC 46 Eichel beteiligt hatte, nicht einmal ein Jahr. Die Gründe dafür sind mannigfaltiger Natur. Doch der Reihe nach.

Fußball war auch zu jener Zeit, aber auch vorher schon populär. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in der Stadt natürlich den Turnverein 1847 Wertheim, aber auch drei weitere Vereine, in denen schon gekickt wurde. Zum einen den 1909 gegründeten FC Adler 09, der erste Fußballclub der Stadt, aber auch eine DJK und schließlich die „Freien Turner“, deren Sportplatz am Ortsausgang Richtung Waldenhausen an der Tauber zu finden war - die Wiese nahe der Firma Wölfel dient seit einiger Zeit zur Michaelis-Messe als Parkplatz. Der Taubersportplatz, in den 30er Jahren vom Arbeitsdienst angelegt und sportliche Heimat des FC Adler 09, galt in den Nachkriegsjahren als etwas „Exklusives“, denn auf den Dörfern ringsum standen den Sportbegeisterten höchstens rumpelige Wiesen zur Verfügung.

Mit der Gründung der Sportgemeinde (SG) Wertheim, die die Tradition des FC Adler 09 fortsetzte, regte sich im Herbst 1945 auch wieder das sportliche Leben in der Main-Tauber-Stadt. Da der Turnverein 1847 noch verboten war, schnellte die Mitgliederzahl der SG rasch auf 900. Im August 1946 folgte die Gründung des Sport-Clubs 46 Eichel. Ihm stand für den Spielbetrieb eine Wiese zur Verfügung, die nach Erdaufschüttungen im Zuge des Schleusenbaus (ebenfalls in den 30er Jahren) entstanden war. Während die SG in der Saison 1946/47 in der Landesliga spielte (und abstieg), waren die Wertheimer Vorstädter in der Kreisklasse 2, Staffel 3 aktiv und wurden dort Vizemeister hinter dem SV Mondfeld.

1946 kamen auch die ersten Heimatvertriebenen in Wertheim an, und der ehemalige Fliegerhorst auf dem Reinhardshof entwickelte sich zur „Flüchtlingssiedlung“. Die Fußballer unter ihnen schlossen sich zunächst der SG an. Doch auf dem Reinhardshof lebten bald über 1500 Menschen. Kein Wunder also, dass sich einige davon entschlossen, einen eigenen Sportverein zu gründen. 1948, im Dezember, war es soweit: Im Torbogensaal wurde der SC 48 Wertheim aus der Taufe gehoben, und schon bald hatten dessen Mitglieder den ehemaligen Exerzierplatz (des Fliegerhorstes) in ein Fußballfeld verwandelt.

Der Sandplatz, der dabei entstand, war bei den Gegnern bald ebenso gefürchtet wie die Fußballer des SC 48, die technisch sehr gut und zudem besonders ehrgeizig waren. Es kam also nicht von ungefähr, dass sich die Mannschaft bei ihrer ersten (kompletten) Teilnahme an der Verbandsrunde sofort die Meisterschaft in der B-Klasse, Staffel 2 holte und in der Saison 1950/51 in der A-Klasse Vizemeister wurde.

Im Sommer 1951 wurde allerdings Gewissheit, dass der Reinhardshof in absehbarer Zeit geräumt werden muss. Die US-Armee beschlagnahmte das Gelände und richtete dort ab 1952 die Kaserne Peden Barracks ein. Die Reinhardshof-Bevölkerung zog in die eiligst gebauten Siedlungen „vor Eichel“ (heute Hofgarten) und „Wertheim-Nord“ (heute Bestenheid).

Diese Aussichten und die Tatsache, dass die Sportgemeinde „tüchtige Spieler“ verloren hatte (viele gingen der Arbeit wegen von Wertheim fort), waren wohl mit ausschlaggebend, dass sich die Vorstände von SG und SC 48 im Juli 1951 zusammensetzten, um die Fusion vorzubereiten. Im „Brückenstüble“ wurden schließlich Nägel mit Köpfen gemacht. „Jedes wohlüberlegte Miteinander macht stark. Das ist bekannt“, kommentierte das „Wertheimer Tageblatt - Fränkische Nachrichten“ am 1. August die Fusionsbestrebungen. „Und in diesem Falle darf auch die moralische Stärke nicht außer acht bleiben; denn nun würden Heimatverbliebene und Heimatvertriebene auf sportlich-faire Weise einander finden und gemeinsam Höchstleistungen vollbringen.“

In den von den Vorsitzenden Albert Horschler (SG), Willy Geyer (SC 48) und Emil Kirchner (SC 46) einberufenen außerordentlichen Vereinsversammlungen am 14. (SG), 15. (SC 48) und 16. August (SC 46) wurde der Plan von den Mitgliedern gutgeheißen. Bei der SG stimmten 77 dafür (und zwei dagegen), beim SC 48 waren es 78 Ja-Stimmen (und 29 Nein-Stimmen) und beim SC 46 gab es 25 Stimmen dafür und drei dagegen.

Mit der Gründungsversammlung am 20. August 1951 in der Stadthalle (Turnhalle Luisenstraße) schien ein „neues Kapitel Sportgeschichte“ in Wertheim aufgeschlagen. Man einigte sich auf den Namen Sportvereinigung Wertheim und wählte Willy Geyer zum 1. Vorsitzenden, Albert Horschler zum 2. Vorsitzenden und den Eichler Karl Leiß zum 3. Vorsitzenden.

Zu Spartenleitern Fußball wurden wenig später Karl Bahr (vom SC 48), Fritz Winzenhöler (von der SG) und Friedrich Götzelmann (vom SC 46) bestimmt. Diesen drei Herren oblag es, die erwünschten „schlagkräftigen Mannschaften“ aufzustellen, die möglichst für Furore sorgen sollen. Keine leichte Aufgabe, denn es waren so viele Akteure vorhanden, dass die SV Wertheim vier (!) Mannschaften für den Spielbetrieb meldete. Die Erste in der 2. Amateurliga Odenwald, die Zweite in der A-Klasse des Kreises Tauberbischofsheim und die Teams Wertheim III und Wertheim IV in der B-Klasse, Staffel 2.

Viel Zeit blieb den Spartenleitern nicht, denn die Verbandsrunde in der 2. Amateurliga begann bereits am 26. August, also gerade mal sechs Tage nach der Vereinsgründung. Im Auswärtsspiel beim FV Lauda verlor die „hochfavorisierte Sportvereinigung“ aus Wertheim mit 1:2 Toren. Zwar gab es am zweiten Spieltag einen vor allem fürs Prestige wichtigen 3:1-Erfolg über den Lokalrivalen VfB Reicholzheim, dann aber folgten fünf Niederlagen in Serie.

„Als die Spielerei losging“, erinnerte sich der damals aktive, aus dem FC Adler 09 bzw. der SG hervorgegangene Spieler Ludwig Hartmann im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten, „wanderten viele ab, weil sie sich gut genug für die erste Mannschaft fühlten, dort aber nicht eingesetzt worden sind.“ Josef Melcher, Mathias und Johann Gosolits stammten vom SC 48 und waren für „Wertheim I“ nominiert. Ihr Urteil: „Es waren zu viele Spieler, und es wurde zu oft gewechselt. Von Anfang an war der Wurm drin.“ Und der Eichler Wilhelm Heid, ebenfalls in der Fusions-Elf aktiv, sagte im Rückblick: „Die vermeintlich besten Spieler wurden in der ersten Mannschaft aufgestellt, doch es hat nicht zusammengepasst.“

Spärlich waren die Auftritte der dritten und vierten SV-Mannschaft, die es in der Saison 1951/52 auf zusammen gerade mal zehn Begegnungen gebracht haben - wohl aufgrund von Spielermangel. Durchgehalten haben lediglich die Erste und die Zweite. Letztere durfte in der A-Klasse Tauberbischofsheim nach elf absolvierten Spieltagen nurmehr außer Konkurrenz mitspielen – aufgrund von Protesten anderer Vereine und einem entsprechenden Beschluss des Badischen Fußball-Verbandes. Dabei erzielte die Mannschaft - zählt man die Punkte - ein Ergebnis, das am Ende die Vizemeisterschaft bedeutet hätte.

Aus der erhofften Leistungssteigerung, die die Fusion sportlich bringen sollte, wurde allerdings nichts. Zu unterschiedlich soll zu jener Zeit die Mentalität der Akteure (und wohl auch der Funktionäre) gewesen sein. Als schließlich auch noch - im Februar 1952 - die Reinhardshof-Bevölkerung vor allem nach Bestenheid umgesiedelt war, lebten bald mehr als 2000 Menschen rund um die Glashütte, und die „alten SC 48er“ beschlossen, ihren Verein am neuen Ort wieder zu gründen.

Am 3. April 1952 fand eine Versammlung in der „Hüttenschenke“ statt, in der der Beschluss gefasst wurde, die Fusion aufzulösen und dem SV-Vorstand einen entsprechenden Antrag vorzulegen.

„Wie konnte es soweit kommen?“ hieß es wenige Tage später in einem Artikel im „Wertheimer Tageblatt - Fränkische Nachrichten“. Unter der Überschrift „War der Zusammenschluß umsonst?“ äußerte sich SV-Vorsitzender Willy Geyer wie folgt: „Der erste Begeisterungssturm des Zusammenschlusses war schnell verflogen. Trotz größter Mühe der Vereinsleitung war der Trainingsbesuch und der Besuch der Spielersitzungen (...) enttäuschend. Seit dem Zusammenschluß haben drei von der Hauptversammlung gewählte Vorstandsmitglieder aus mehr oder minder berechtigten Gründen ihre Ämter zur Verfügung gestellt. Die Anhänger haben nach den Spielen die sonst übliche und auch erforderliche Zusammengehörigkeit mit den Spielern nie gezeigt. Trotzdem gelang es der Vereinsleitung, insbesondere in der Zeit von Oktober bis Januar, die Gegensätze in den Mannschaften auszugleichen. Dann setzten von einigen unbelehrbaren Anhängern beider Vereine die mehr oder weniger versteckten Angriffe insbesondere gegen Spieler ein und die gut entwickelte Kameradschaft ging langsam, aber sicher in Scherben; insbesondere die Äußerungen verschiedener, dass sie ohne Zusammenschluß in der Tabelle nicht schlechter stehen würden, vergifteten die Atmosphäre endgültig.“

Den Plänen des „beabsichtigten neuen Vereins“ konnte Geyer nichts Gutes abgewinnen: „Der (...) Verein hat keinen spielfähigen Platz und der Ausbau eines solchen Platzes ist eine Utopie. Die Absicht, einmal einen hauptamtlichen Trainer zu beschäftigen, ist ebenfalls zum Scheitern verurteilt.“ Diese nun offen zutage tretenden Differenzen dürften mit dafür gesorgt haben, dass über Jahrzehnte eine wohl nicht nur sportliche Rivalität zwischen den „Gelb-Blauen“ der SV Wertheim und den „Grün-Weißen“ des SC Viktoria Wertheim - diesen Namen gaben die SC 48-Mitglieder ihrem Verein im Herbst 1952 - bestand.

 

Größerer Abstand oder Kasten

Die Entwicklung im Amateurfußball allgemein sowie bei der SV und dem SC Viktoria im Besonderen hat schließlich beide Vereine ab Mitte der 90er Jahre „gezwungen“, einen neuerlichen Zusammenschluss anzustreben. Gerne hätte man auch den aus dem FC Adler Eichel (1952 bis 1956) hervorgegangenen FC Eichel (seit 1964) mit ins Boot gezogen. Doch die FC´ler lehnten danken ab: „Unser Verein steht auf gesunden Füßen und wir sind mit dem zufrieden, was wir haben“, hieß die Antwort.

Die sportlichen Ziele der SV Viktoria Wertheim waren übrigens zur Zeit der Gründung im Dezember 2000 wie folgt gesteckt worden: die erste Mannschaft wünschte man sich in absehbarer Zeit in der Verbandsliga, die Zweite in der Landesliga, und die A-Junioren ebenfalls in der Verbandsliga.

 

Aus: 50 Jahre FC Eichel - Festbuch zum 50-jährigen Vereinsjubiläum, Würzburg 2014

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